Inhaltliche Konzeption
1. Träger des Waldkindergartens Emmendingen
2. Organisationsaspekte
2.1 Die „äußeren“ Besonderheiten der Einrichtung
2.2 Gruppengröße
3. Warum ist ein Waldkindergarten wichtig für das Kind?
4. Erziehungs- und Bildungsziele – pädagogische Ausrichtung
4.1 Gesichtspunkte der Erziehung
4.2 Elternarbeit
5. Der Tagesablauf im Waldkindergarten
Vorbemerkung
In dieser Konzeption geht es um die Darstellung der eigenen Arbeit in der Öffentlichkeit. Es ist eine Informationsschrift über die wichtigsten Grundsätze und Aufgabenbereiche unserer Einrichtung. Sie dient aber auch als Basis für eine Diskussion und Weiterentwicklung mit anderen Einrichtungen und Eltern.
1. Träger des Waldkindergartens Emmendingen
Der Förderverein Waldkindergarten Emmendingen e.V., der sich aus einer Elterninitiative heraus im Herbst 1998 begründete, ist der Träger des Waldkindergartens Emmendingen.
2. Organisationsaspekte
2.1 Die „äußeren“ Besonderheiten der Einrichtung
Der Wald
Unser Kindergartenalltag findet im Wald statt, nahezu bei jedem Wetter. Kinder erhalten die Möglichkeit, einen Teil ihrer Kindheit im Wald zu verbringen.
Der Wald ist in unseren Breitengraden eine der letzten Naturformen, die von Menschenhand am wenigsten berührt ist. Er ist der Träger von Geschichten, Märchen und Mythologien, Heimat von Bären, Elfen, Zwergen und Hexen. Das „Erlebnis Wald“ findet seit jeher Ausdruck in Wort, Farbe und Musik. Dichter, Maler und Komponisten fanden und finden hier Eingebung und Anregung. Auf einem Spaziergang erspürt jeder von uns das Besondere und Nichtbenennbare des Waldes: „Selbst geheimnisvoll am lichten Tag“ (Goethe).
Der Zirkuswagen und der Bienenwagen
Auf dem Waldparkplatz oberhalb des Gasthauses Waldschänke steht unser alter rund 16 Quadratmeter großer Zirkuswagen. Er wird uns als täglicher Treffpunkt dienen. In ihm werden wir Kleidung und Schuhe zum Wechseln aufbewahren sowie nasse Sachen trocknen können. Er soll uns Schutz gewähren bei extrem schlechtem Wetter. Er ist mit einem Ofen ausgestattet, außerdem gibt es hier frisches Wasser in einem Kanister. Ein kleines Stück unterhalb steht der Bienenwagen, der das „Nest“ der zweiten, neuen Gruppe ist. Wie im Zirkuswagen warten auch hier bei schlechtem Wetter ein warmer Ofen, Bilderbücher, Malstifte und Kasperlefiguren.
2.2 Gruppengröße
Zwei kleine überschaubare Gruppen von maximal je 18 Kindern, zwei Fachkräften und einem/einer Praktikanten/Praktikantin gewährleisten guten Kontakt zwischen Eltern, Erziehern und Kindern.
3. Warum ist ein Waldkindergarten wichtig für das Kind?
Ausschnitthaft nehmen wir hier Bezug auf Aspekte der Waldpädagogik:
…weil wir Stille brauchen
Zarte Nuancen, Stille, Gelassenheit bietet uns der Wald. Eine Gruppe Kinder macht Geräusche. Durch die Unbegrenztheit des Raumes bleibt die Atmosphäre trotzdem entspannt; es entsteht kein Krach.
…denn der Wald bietet ein riesiges Betätigungsfeld
Die Möglichkeit des Spiels sind unbegrenzt: matschen, bauen, sammeln, balancieren, klettern. „Spielsachen“ sind in Hülle und Fülle vorhanden. Grenze ist der zu steile Berg, das zu dichte Gebüsch, die eigene Angst sowie die Rücksicht auf den Keimling in der Bodenstreu und auf die Bedürfnisse der anderen Kinder und der Gruppe.
…weil die Farben des Waldes einladen
Das Kind wird durch leuchtende Farben vielfach überreizt. Vor allem an dauerhaften Installationen (wie z.B. Wänden, Möbeln) stellt dies eine Konkurrenz zur kindlichen Kreativität dar. Kinder sollen die Gelegenheit haben, ihre ständig wechselnden Geschichten vor einem neutralen Hintergrund zu inszenieren. Diese Neutralität gewährleistet der Wald mit seinen Naturfarben, den verschiedenen Grün- und Grautönen, mit Himmelblau, Erdbraun und Sonnenrot.
…weil das Wetter verschiedene Stimmungen in uns erzeugt
Komfortable Wohnverhältnisse reduzieren klimatische Extreme. Gut beheizbare, geschlossene Autos überwinden „schlechtes“ Wetter. Im Wald erleben die Kinder hautnah den Lauf der Jahreszeiten und lernen den natürlichen Rhythmus der Natur kennen. Die Stimmungen im Wald wechseln durch die Launen des Wetters. Erfahrungen in anderen Waldkindergärten zeigen, daß die Freude am Spiel durch sogenanntes schlechtes Wetter ungetrübt bleibt.
…denn es gibt kein gefertigtes Spielzeug
Die Dinge des Waldes sind schlicht und kostenfrei. Sie gehören einem natürlichen Kreislauf an und bieten den unschätzbaren Wert, die eigene Phantasie anzuregen, eine Geschichte zu erfinden: Zum Beispiel eine Räuberhöhle aus Zweigen bauen, Broccoli für Füchse kochen oder die Spuren kleiner Waldzwerge entdecken.
…weil der Bewegungsdrang der Kinder befriedigt wird
Eine Versicherungsanstalt startete aufgrund der häufigen Unfälle in Kindergärten eine Untersuchung. Sie wollte herausfinden, warum ausgerechnet in Kindergärten mit höchsten Sicherheitsstandards vermehrt Unfälle passieren. Der Versicherungspsychologe entdeckte das Risiko in der zu großen Sicherheit. Indem jedes kleine Risiko ausgeschaltet wird, können Gefahren nicht eingeschätzt, kann nichts ausprobiert werden, kann das Fallen nicht geübt werden.
Eine Konsequenz der Untersuchung war der Vorschlag, mehr Bewegungsspiele auch außerhalb des Sportunterrichts zu organisieren.
Der Waldkindergarten ist bewegungs-, sinnes- und körperbetont und in unserer geregelten Lebenswelt ein Reservat für Wildheit und Bewegung. Kinder, die sich ausreichend bewegen, das Wechselspiel von Risiko und Sicherheit erfahren, lernen Schritt für Schritt ihre Kräfte einzuschätzen. Sie spüren sich selbst.
…weil er die Gesundheit fördert
Bewegung an frischer Luft, Wind und Wetter stärken das Immunsystem. Kinder werden den Wald als Ort der Ruhe, Schönheit und Erholung kennenlernen.
…weil Kinder vom geraden Weg abweichen wollen
Kinder suchen mit allen Sinnen ihren Weg. Dabei verlassen sie vertraute Pfade und suchen das Hindernis, um dabei sich selbst und die sie umgebende Welt lustvoll zu spüren: Im Wald durch ein dunkles Dickicht schlüpfen, jeden gefällten oder umgestürzten Baumstamm zum Balancieren nützen, extra in eine Pfütze patschen. Kinder werden von solchen Hindernissen angezogen. Dadurch ist das Kind für Erlebnis und Wahrnehmung besonders disponiert.
Es liegt an uns, den Kindern Zeit zu geben und von ihnen zu lernen.
…weil die Kinder Zutrauen zu den neuen Fähigkeiten gewinnen
Die Kinder improvisieren viel und werden somit in ihrer Kreativität gestärkt. Durch die unmittelbare Erfahrung von wirkungseigenem Handeln wird das Selbstvertrauen gestützt. Beispiel: Holzsammeln, im Ofen Feuer entfachen – es wird warm, die Flamme spendet Licht.
–weil wir in der Natur viel Interessantes lernen können
Nach einer Zeit der Gewöhnung werden sich die Kinder im Wald zu Hause fühlen und auf der Basis von Sicherheit und Neugierde Zusammenhänge begreifen. So wird der vertraute Kastanienbaum im Herbst seine Früchte abwerfen, vorher wurden die grünen stacheligen „Igel“ beäugt, und bald können wir bereits neue Pflanzenkinder bewundern. Was unterscheidet denn die Tanne von der Fichte? Was ist eine Herzwurzel, und was ist eine Tellerwurzel? Wie kommt es, daß aus einer Raupe ein Schmetterling wird? Warum können Libellen tauchen, schwimmen und später auch fliegen?
…weil hier auch gefeiert wird
Auch im Waldkindergarten ist der Geburtstag ein wichtiges Ereignis. Jedes Kind kommt in den Genuß, die Hauptperson zu sein, gute Wünsche, Lieder und Geschenke zu empfangen. Wir feiern alle christlichen Feste, stehen aber auch anderen religösen und kulturellen Festen und Gebräuchen offen gegenüber. Die naturbezogenen Feste wie Erntedank und Sonnenwende sollen ebenfalls gefeiert werden.
4. Erziehungs- und Bildungsziele – pädagogische Ausrichtung
4.1 Gesichtspunkte der Erziehung
Wir wollen dem Kind eine offene Welt zur Verfügung stellen. Das Kind hat die Chance eigene Entdeckungen zu machen. Indem es sich immer wieder mit dem Neuen konfrontieren kann, behält es das Gefühl der Überraschung.
Aber auch das Gegenteil ist wichtig. Das Vertraute, die Ordnung. Rund um unseren Zirkuswagen und Bienenwagen auf unserem Waldkindergarten-Gelände entsteht ein Bereich, der dem Kind Sicherheit bietet. Seine Grenzen sind fließend und das Gesicht dieses Bereiches wechselt lediglich mit dem Gesicht der Jahreszeiten.
Die freie Wahl… Mit dem Angebot des Waldes, das aus vielerlei Materialien besteht wie Erdkrümel, Steinchen, Steine, Felsen, Bodenstreu, Moos, Blumen, Stauden, winzige Ästchen, dicke Äste, Baumstämme und -stümpfe, Bäume, die dünn sind wie Bohnenstangen oder mächtig wie Elefanten, kann sich das Kind Tätigkeiten heraussuchen, die seinem augenblicklichen Entwicklungsstand entsprechen. Es versucht den Schwierigkeitsgrad zu finden, den es bewältigen kann und möchte.
Die Kinder können sich unbeobachtete Spielzonen schaffen. Sie können für sich sein, sie können sich zurückziehen, an ihren kleinen Stausee gehen und das Spiel von gestern wiederholen. Wie sieht es da mit der Aufsicht aus? In gebührendem Abstand. Wir werden immer wissen, wo die Kinder gerade sind. Lassen wir ihnen ihren Stausee und ihr Pfützenspiel.
Die Rolle des Erziehers/der Erzieherin… Bislang schien es so, als kämen die Kinder ohne Erwachsene aus. In gewisser Weise ist es auch so: Der Erzieher/die Erzieherin steht im Hintergrund. Ankunft und Abschied werden von uns gestaltet. Wir verstehen uns nicht als Wissensvermittler, sondern es geht uns um Förderung von Haltungen und Einstellungen.
Das Erlebnis steht im Mittelpunkt. Ein Beispiel: Wir möchten die verschiedenen Vögel mit ihren Stimmen und Lebensweisen kennenlernen. Indem wir nachspielen, wie ein Zaunkönig bei Erregung knickst oder geschickt und lebhaft durchs Gebüsch schlüpft, erfahren wir diesen Vogel erst wirklich.
Wie gehen wir mit Konflikten um? Auch hier sind wir zurückhaltend. Die Kinder, die sich im Streit befinden, dürfen diesen Streit nach ihrem Sinn gestalten. In den Fällen, in denen der Streit über Schlagen oder Bedrohen ausgetragen wird, suchen wir im Gespräch mit dem Kind nach anderen Lösungen, bieten Verhaltensmodelle an oder können auch sehr deutlich Grenzen aufzeigen.
Die Gefühle, die sich äußern, und auch die, die sich nicht äußern, nehmen wir sehr ernst. Wir werden Gefühle nicht bewerten, sprechen jedoch Ursachen aus.
Verhaltensgrundsätze in der Gruppe:
Gegenseitiger, liebevoller Respekt von Erwachsenem und Kind. Achtung und Beachtung von Bedürfnissen und persönlichen Gegebenheiten. Kinder wie Erwachsene versuchen in unserer Gruppe individuelle Wünsche zum Konsens zu führen.
Gegenseitige Hilfe: das heißt, wir helfen uns in Konfliktsituationen und persönlichen Schwierigkeiten.
Wir möchten Spiele ohne Konkurrenz oder Ringen um den ersten Platz. Es geht um ein lebendiges Miteinander.
Bedingungsloser Schutz der Würde jedes Menschen, auch außerhalb unserer Gruppe.
Um dem Jüngeren ein Hineinwachsen in die neue Lebenssituation zu erleichtern, wird ihn einer der Erwachsenen in der Anfangszeit intensiv begleiten, verstärkt für das Kind da sein, das Gespräch suchen und Geborgenheit geben.
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4.2 Elternarbeit
Eltern vertrauen uns ihre Kinder an. Für Eltern und Kind ist dieses erste Auseinandergehen kein leichter Schritt. Wir sind uns dieser wichtigen Rolle bewußt, die wir in dieser Situation übernehmen.
Damit die Loslösung gut gelingt, suchen wir das Gespräch zu den Eltern. Allerdings geht es uns auch darum, einen persönlichen Kontakt zu entwickeln. Regelmäßig führen wir ein Einzelgespräch mit Eltern, egal ob etwas „ansteht“ oder nicht. Außerdem gibt es Elternabende. Geplant ist als weiteres Standbein der Elternarbeit ein regelmäßiger „Stammtisch“.
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5. Der Tagesablauf im Waldkindergarten
Der Tagesablauf im Waldkindergarten soll einem natürlichen Rhythmus wie dem des Ein- und Ausatmens folgen. Nach einer gemeinsamen ruhigen und andächtigen Zeit folgt den Bedürfnissen der Kinder entsprechend Wildheit, Bewegung – eben das freie Spiel.
Erstes Beispiel für einen Tagesablauf:
Die Kinder werden morgens gebracht. Eltern, Kinder und Erzieher/innen begrüßen sich vor dem Zirkuswagen. Im Winter beheizen wir den Ofen. Während dieser Zeit kommen immer noch Kinder hinzu. Wenn die Auffangzeit beendet ist und alle Kinder eingetroffen sind, verabschiedet sich die zweite Gruppe in Richtung Bienenwagen. Für beide Gruppen beginnt nun der Tag mit einem Morgenkreis. Darin sind die Elemente vorhanden wie: 1. Begrüßung des Waldes, der Tiere (Gäste stellen sich vor, fehlende Kinder werden von den anwesenden Kindern genannt). 2. Bewegungsspiel. 3. Stille – Zeit. Wir hören mit geschlossenen Augen in unseren Wald hinein und erzählen danach über das, was wir hörten. 4. Ein passendes Lied.
Wenn wir an unserem angestrebten Platz angekommen sind, ist Frühstück angesagt. Ein ruhiges Miteinander während des Frühstücks ist nicht nur Wunsch der Erzieher. Die Kinder sollen auch lernen, mit Lebensmitteln sorgsam und sparsam umzugehen.
Der folgende Tagesabschnitt ist das freie Spiel. Es ist das Herzstück des Waldkindergartens. Der Erzieher/die Erzieherin übt hier größte Zurückhaltung (Pädagogik mit der Hand in der Tasche, aber mit offenen Augen). Der Erwachsene agiert hier nach außen hin nur selten, zumeist in Bereichen wie Konfliktbegleitung, Trostspende, Pinkel- und Stuhlhilfe. Er ist Rückzugsbereich, in dem das Kind Sicherheit auftanken kann.
Während des Freispiels spielen die Kinder allermeistens still ihr Spiel. Selbst das Hinschauen eines Erziehers/einer Erzieherin kann das Spiel empfindlich stören.
Die Kinder spielen oft Unbegreifliches, Geheimnisvolles, deren Entschlüsselung durch Erwachsene immer unvollständig bleibt. Erzieher/innen könnten mit einem Spielangebot die feine Ausstattung des Kinderspiels nie erreichen. Schon von daher ist das „künstliche“ Angebot tabu.
Nach dem Freispiel ist Schlußkreis. Er besteht aus einem Spiel mit der ganzen Gruppe, eine Geschichte wird erzählt oder Kasperletheater gespielt. Danach gehen wir zurück zu dem Platz, auf dem der Zirkuswagen steht, wo die Eltern ihre Kinder abholen.
Ein weiteres Beispiel, ein Regentag
Das Lied des Morgenkreises paßt zum Wetter. Sturmböen mit Wasser wie aus Kannen fegen dahin.
Bei diesen Extremen bleiben wir in der Nähe des Zirkuswagens oder des Bienenwagens. Wir haben unseren Ofen beheizt, und während von draußen Regentropfen an die Scheibe klopfen, wird drinnen gegessen. Die Kinder erzählen sich Erlebtes und Geschichten. Nach dem Frühstück zieht es die meisten Kinder wieder nach draußen. Die Pfützen haben sich zu einer riesigen Seenplatte ausgeweitet, und da geht es mit Karacho hinein. Kind, Wasser, Spiel.
Es scheint so, als tanzten die Kinder den Tanz der Tropfen, die in den Blättern, auf Ästen, auf der Erde, auf ihrer eigenen Haut ein unglaubliches Spektakel anstellen.
Kinder lieben den Regen besonders; er hat etwas von ihnen: das Ungestüme, das Wilde und doch so Leichte.
Aber es ist auch so, daß einige Kinder lieber im warmen Wageninnern bleiben, am Fenster träumen oder wilde Bilder malen. So gehen auch diese schönen Tage vorbei.
letzte Aktualisierung 27.10.2006